Das lange Messer, eine fast vergessene Waffe ?
Der junge Mann lenkte seine Schritte genau in diese Gasse. Es war die Gasse der Schwertfeger und Messerer. Aus den Werkstätten drang dumpf der Klang der Schmiedehämmer und das schabende Geräusch der Schleifsteine. Er war neu in der Stadt, ja ein Neubürger. Er hatte das Weberhandwerk gelernt und aus dem südlichen Umland zugewandert. Den reichen Fuggern wollte er es gleichtun, fleißig und sparsam sein und so zu Wohlstand und Vermögen kommen. Nun war zu dieser Zeit die Verfassung der Reichsstadt großteils eine Wehrverfassung und jeder Bürger hatte sich entsprechend zu rüsten. Der Kaiser war weit und nicht sehr stark und die Herzöge von Bayern lauerten auf der östlichen Lechseite. Auch gab es "Plackerer", Ritter auf verarmten Landgütern, die ohne Fehdebrief die Augsburger Kaufleute überfielen oder das Vieh nachts von den Weide der Stadt stahlen. ( im Historismus des 19. Jht. werden diese Ritter zu "Raubrittern" ). So hatte der Rat der Stadt festgelegt was ein jeder Bürger entsprechend seinem Steueraufkommen an Wehr und Waffen und zu stellen hatte. Gestern hatte sich unser junger Zuwanderer mit den Altgesellen beraten und genau zugehört was die in Aufgebotsdingen Erfahrenen erzählt haben ( Aufgebote waren die militärischen "Armeen" der Städte im SMA, rekrutiert aus den Bürgern der Stadt ). Gerne hätte er sich auch einen ganzen Harnisch zugelegt, wie es von den geschworenen Meistern gefordert war, aber die Kosten für solch eine Bewaffnung konnte er nicht aufbringen. So wollte er zur Musterung bei seinem Viertelmeister bereithalten den gesteppten Wams ( Eine Art Posterjacke zum Darunter ziehen ), einen Eisenhut, Brustplatte, Hentzen, eine gute Helmbarte und die geforderte Seitenwaffe. Gut, aber mit der Seitenwaffe war das nicht so einfach. Sehr oft sah man bei den Gesellen und auch bei den Meistern das Schwert. Als Sinnbild des Rittertums trugen es viele als weithin sichtbares Zeichen der Unabhängigkeit. War es doch den einfachen Leibeigenen verboten ein Schwert zu führen, aber als Bürger einer freien Reichsstadt war dies möglich. Diese Überlegungen waren unserem jungen Mann nicht fremd, aber er dachte praktisch. Das lange Schwert, geführt mit beiden Händen und an der Seite befestigt taugte nicht für den Haufen, den die Bürger bildeten, aus Helmbarten und Spießen, flankiert mit Armbrustschützen. Eine kurze Seitenwehr musste her, die senkrecht nach unten hang, niemanden in dieser engen Formation behinderte und auch in dichtesten Getümmel zu ziehen war. Bei den Schwertfegern wurden solche kurzen Schwerter feilgehalten. Von den Klingenschmieden bezog man die geschmiedete Rohform, Knopf- und Kreuzschmiede lieferten zu und der Schwertfeger polierte die Klinge, formte den Hohlschliff und fügte alles zusammen. Diese Klingen waren gerade und beidseitig geschliffen und von der Form nach oft vorne spitz zulaufend. Diese Arbeit hatte ihren Preis, aber auf der anderen Straßenseite gab es eine Alternative. Die Messerer, eine von den Klingenschmieden noch nicht zu lange abgespaltete Zunft hielt hier ihre Waren feil. Neben den Messern des täglichen Gebrauchs auch das "lange Messer", eine militärische Waffe. Im Gegensatz zu den seit alters her bekannten Hiebmessern mit oft verdickter Spitze ( auch Ort genannt ) und dem "Malchus", einem kurzen Hiebmesser und dem Falchion, einer gebogenen Hiebklinge wie bei säbelarten Waffen üblich war des lange Messer gerade und im Querschnitt gleichmäßig. Die Fertigung einer solchen Klinge ermöglichte es durch das relativ hohe Gewicht am Ort kraftvolle Hiebe auszuführen oder durch die gerade Klingenform Stiche exakt zu positionieren. Auch ermöglichte der an der rechte Seite angebrachte Parierdorn oder -plättchen verschiedene Fechtbewegungen. Da nur bei großer Nachfrage der "Reider" als Berufsstand zum Ebenbild des Schwertfegers sich herausbildete und der Messerer alle Arbeitsschritte alleine bewältigen musste waren viele lange Messer im Spätmittelalter die schmucklosen aber nicht minder gefährlichen Waffen der einfachen Bürger und freien Bauern. Wie sich unser Neubürger entschieden hatte wissen wir nicht, aber dass sich die großen Fechtmeister und ihre Bücher der damaligen Zeit damit beschäftigten zeigt eindrucksvoll die Wirksamkeit dieser fast vergessenen Waffe.
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Dürer, die grüne Passion. Petrus haut dem Knecht Malchus ein Ohr ab. |
Das lange Messer ist gekennzeichnet durch die gerade, lange Klinge. Die Familie der Hiebmesser ist groß und die Unterschiede verwischen oft. Der "Malchus" ist ehr kurz und massiv und erlaubt es kräftige Hiebe auszuführen. Rechts abgebildet kein "reines" langes Messer. Aber in Verbindung mit einem Faustschild konnte der geübte Träger solch einer Kurzwaffe zu einen furchtbaren Gegner werden. Links ein "Malchus", benannt nach dem Knecht Malchus, der in der Ölberggeschichte von Petrus ein Ohr abgehauen bekommt. |
Der Erzengel Michael bekämpft den Drachen mit langem Messer und Faustschild. |
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Abb. von Bogenschützen, franz. 15. Jht. Der Schütze durfte durch die seitliche Waffe nicht behindert werden. |
![]() Armbrustschützen unterstützen die Kanonen, Legestücke. Die Schützen tragen eine lange Seitenwehr. franz. 15 Jht. Beachtenswert man sieht nur den unteren Teil der Harnische. Oft war der obere Teil mit Stoff überzogen und verhinderte so übermäßige Korrosion. Außerdem sah es einfach besser aus. |
![]() Dürer, Paulus schippelt dem Knecht Malchus ein Ohr ab. |
![]() Man beachte den Reiter in der Mitte, vor allen wenn der Maler ebenfalls die kurzen Schwerter detailliert zeichnet kennt er den Unterschied. |
Wie mit dem Schwert wurde mit dem langen Messer kunstvoll gefochten. Die historischen Fechtanleitungen zeigen die Techniken mit dem kurzen Schwert und dem langen Messer. Verwandte Hiebmesser, gebogene Varianten finden bei den Meistern der Fechtkunst aber keine Beachtung. Zufall oder praktische Erfahrung? |
![]() In fast allen heute bekannten Fechtbüchern finden sich Abschnitte über das lange Messer. Hier Hans Thalhofer. Die Kunst diese Waffe zu führen war es den Fechtmeistern wert sie in den Büchern aufzunehmen. Eine Nischenwaffe? |
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Eine Bauernhochzeit. In der Mitte ein etwas sehr zutraulicher Gast, das lange Messer Waffe und Stolz zugleich.
Rechts eine Abb. aus den zwölf Artikel des Bauernkrieges von 1525. |
![]() Die Griffe der langen Messer waren einfach und "lang". So hielt man das Messer nicht nur im "Hammergriff" sondern konnte den Daumen auflegen und mit dem Griffendstück versuchen die Waffe des Gegners zu fixieren oder einen gezielten Stich auszuführen.
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![]() Ausschnitt aus einem Stich Anfang 16. Jht. Bauern feiern. Man beachte die unterschiedliche Darstellung der Bauernwehr ( kurz ) und des langen Messers. Die Tragweise auf der rechten Seite ist fraglich. Oft findet man die Darstellung langer Messer in ländlich, bäuerlichem Umfeld. Sicherlich keine Leibeigenen, denen das Tragen solcher Waffen untersagt war. |
Langes Messer? Malchus? Falchion? |
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Das Fechtbuch von Johannes Lebküchner, ca. 1482, "Der alten Fechter an fengliche Kunst". Dieses Fechtbuch, wohl das einigartig Schönste zum Thema "Langes Messer", verwahrt in der Staatsbib. zum München. Detailliert wird der Umgang und die Fechtkunst mit dem langen Messer beschrieben. Dank der Mitarbeit der Fechtgruppe "Ochs" in München wurde dieses Fechtbuch transskripiert und ist heute für jeden Interessenten zugänglich (und erlernbar!!!)
Weitere Informationen unter: www.schwertkampf-ochs.de